Paul-Ehrlich-Gesellschaft | Impressum | Kontakt
Mitgliederlogin:


heute ist der 19.09.2014  letzte Änderung am 15.09.2014 

Aktuelles

Medizin-Nobelpreis für Entdecker von Helicobacter pylori

STOCKHOLM. Barry Marshall und Robin Warren, die beiden Australier, die den „Magenbazillus“ Helicobacter pylori entdeckt haben und als erste dessen Bedeutung für die Ätiologie peptischer Ulzera erkannten, erhalten den diesjährigen Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Das Nobel-Komitee ehrt damit eine „bemerkenswerte und unerwartete“ Entdeckung aus dem Jahr 1982, die die damaligen Vorstellungen von der Ätiologie von peptischen Ulzera so radikal veränderte, dass viele Ärzte Schwierigkeiten hatten, die Erkenntnisse zu akzeptieren.

Dass es im Magen Bakterien gibt, die dem dortigen hohen Säuregehalt widerstehen können, ist keine neue Entdeckung. Ein früher Bericht stammt aus dem Jahr 1906 von einem Arzt aus Halberstadt, der in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift „über das Auftreten von Spirochäten verschiedener Formen im Mageninhalt bei Carcinoma ventriculi“ berichtete (DMW 1906; 32: 872). Diese Studie blieb ebenso unbeachtet wie eine Quelle aus den 40er-Jahren, in der Harvard-Mediziner erkannten, dass 40 Prozent aller Patienten mit Ulzera und Magenkrebs mit Bakterien infiziert waren.

Der Entdeckung des Pathologen Robin Warren von der Universität Perth in Australien, der erstmals 1978 den Keim in Schleimhaut-Biopsien des Magens nachwies, und dem dabei aufgefallen war, dass es in der Umgebung der Bakterien zu einer entzündlichen Reaktion kam, wäre vielleicht das gleiche Schicksal widerfahren, wenn sich nicht der damals knapp 30-jährige Mediziner Barry Marshall vom Royal Perth Hospital für die Befunde interessiert hätte. Der „Hartnäckigkeit und dem gerüsteten Verstand“ der beiden Forscher ist es nach Ansicht des Nobel-Komitees zu verdanken, dass ein damals als selbstverständlich geltendes medizinisches Dogma widerlegt wurde. Gegenüber Pressevertretern meinte Marshall, dass er sich niemals getraut hätte, die Lehrmeiung derart radikal anzugreifen, wenn er nach dem Curriculum einer US-Universität erzogen worden wäre.

Die akademische Lehrmeinung lautete seinerzeit, dass peptische Ulzera die Folge einer vermehrten Salzsäureproduktion im Magen sind, ausgelöst durch Stress oder andere belastende Lebensumstände. Tatsächlich standen mit den H2-Blockern bereits effektive Medikamente zur Unterdrückung der Magensäure-Produktion zur Verfügung, die den „kausalen“ Zusammenhang zwischen Säure und Ulkus zu belegen schienen. Dass die Ulzera jedoch nach Absetzen der Medikamente wiederkehrten, war ein Schönheitsfehler, der nicht weiter von Bedeutung war, da die Therapie mit den gut verträglichen Medikamente dauerhaft durchgeführt werden konnte.

Allein an der Existenz eines Magenkeimes war nicht mehr zu zweifeln, spätestens seit es gelang, den Erreger kulturell zu vermehren. Warren bezeichnete das spiralförmige Gram-negative Bakterium zunächst als Campylobacter pylori. Diese taxonomische Einordnung erwies sich später als falsch. Heute wird der „Magenkeim“ korrekt als Helicobacter pylori bezeichnet. Doch dies allein vermochte die herrschende Meinung in der Gastroenterologie nicht zu verändern.

Um seine damals radikale Ansicht von der infektiösen Genese von peptischen Ulzera zu belegen, entschied sich der Marshall zu einem Selbstversuch. Zunächst ließ er per Gastroskopie feststellen, dass er nicht mit H. pylori infiziert war. Nach zehn Tagen schluckte er dann eine Erregerkultur, woraufhin er akut an Magenbeschwerden erkrankte. Drei weitere Gastroskopien bestätigten die Verdachtsdiagnose einer akuten Gastritis, die unter einer Behandlung abheilte. Auch diese im Lancet mitgeteilten Ergebnisse überzeugten die damalige Fachwelt noch nicht. Die beiden australischen Mediziner gaben jedoch nicht auf und führten in der Folge weitere Studien durch. Sie fanden heraus, dass die Erreger bei fast allen Patienten mit Gastritis oder peptischen Ulzera in Magen oder Duodenum und auch bei Magenkrebs vorhanden waren.

Wichtige Überzeugungsarbeit leisteten klinische Studien, in denen Marshall und Warren und auch andere Arbeitsgruppen belegten, dass die Patienten dauerhaft nur dann von den Ulzera geheilt werden konnten, wenn die Bakterien aus dem Magen eliminiert wurden. Dank dieser Entdeckung, so schreibt das Nobel-Komitee sind peptische Ulzera keine chronische Erkrankung mehr. Was vielleicht nicht ganz stimmt, da die heutige Behandlung mit Antibiotika nicht immer gelingt, Resistenzen möglich sind und eine erfolgreiche Behandlung nicht vor einer Re-Infektion schützt. Heute sind auch Protonen-Pumpen-Inhibitoren (PPI) Bestandteil der “Eradikation” von H. pylori, was nicht zuletzt die Bedeutung der Säuresekretion in der Pathogenese der Erkrankung unterstreicht.

Erst allmählich setzte ein Umdenken in der Gastroenterologie ein. Heute gilt es als sicher, dass H. pylori die Ursache von mehr als 90 Prozent der duodenalen und 80 Prozent der gastralen Ulzera ist. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass H. pylori den Magen von etwa 50 Prozent aller Menschen besiedelt. In Ländern mit hohem sozio-ökonomischen Standard sind Infektionen deutlich seltener als in Entwicklungsländern, wo sich praktisch jeder Mensch infiziert. Die Ansteckung erfolgt in der Regel in der frühen Kindheit. Häufig wird der Keim von der Mutter auf das Kind übertragen und eine einmalige Infektion ist in der Regel lebenslang.

Die Infektion beginnt im unteren Teil des Magens, dem Antrum. Wie Warren als erster herausfand, geht die Infektion immer mit einer Entzündung der darunter liegenden Mukosa einher. Dennoch verläuft die Infektion in der Regel asymptomatisch. Bei etwa zehn bis 15 Prozent der Infizierten kommt es irgendwann zu peptischen Ulzera. Ob dies der Fall ist, hängt von der Lokalisierung der Infektion und dem Ausmaß der Entzündung ab. Nach der derzeitigen Theorie führt die chronische Entzündung im distalen Abschnitt des Magens zu einer erhöhten Säureproduktion durch die nichtinfizierten oberen Abschnitte des Corpus. Die Säure erklärt dann die erhöhte Vulnerabilität des Duodenums.

Bei einigen Menschen infiziert H. pylori auch die Corpusregion des Magens. Die Folge ist dann eine ausgedehnte Entzündung des Magens, die nicht nur zu Ulzera prädisponiert, sondern auch zu Magenkrebs. Die Inzidenz dieses Tumors ist in vielen Ländern zurückgegangen, infolge der geringeren Prävalenz von H. pylori, wie man annimmt. Weltweit ist Magenkrebs jedoch noch immer die zweithäufigste tödliche Krebserkrankung.

Eine Entzündung der Magenmukosa ist auch ein Risikofaktor für eine besondere lymphatische Neoplasie des Magens: Das MALT (mucosa associated lymphoid tissue)-Lymphom bildet sich nach einer erfolgreichen Eradikation von H. pylori mit Antibiotika zurück, was ebenfalls die Bedeutung des Erregers für die Entstehung von Tumoren unterstreicht.

Das Nobel-Komitee vermerkt, dass die Entdeckung von Warren und Marshall einen weit reichenden Einfluss hatte, der über die Grenzen der Gastroenterologie hinausreicht. Heute interessiert sich die Forschung zunehmend für die Frage, ob chronische Infektionen an anderen Orten vielleicht ebenfalls das Ergebnis einer Infektion sein könnten. Derartige - bisher unbewiesene – Hypothesen wurden für entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn und Colitis ulcerosa) für die Rheumatoide Arthritis und die Atherosklerose aufgestellt.

Quelle: Newsletter Deutsches Ärzteblatt vom 4. Oktober 2005

Aktuelles
Wolfgang-Stille-Preis an Forschergruppe der Privaten Universität Witten/Herdecke vergeben
Der mit 10.000,- Euro dotierte Wolfgang-Stille-Preis (Wissenschaftspreis) der PEG wird in diesem Jahr an eine Arbeitsgruppe der Privaten Universität Witten/Herdecke mit herausragenden Ergebnissen verliehen.
vom 15.09.2014

Dritter Bericht über den Antibiotikaverbrauch und die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Veterinärmedizin
Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie e. V. und Universitätsklinik Freiburg veröffentlichen GERMAP 2012
vom 27.06.2014

Deklaration der WORLD ALLIANCE AGAINST ANTIBIOTIC RESISTANCE (WAAAR)
Aufruf der PEG zum umsichtigen Einsatz von Antibiotika aus Anlass der Veröffentlichung der Pariser WAAAR Deklaration
vom 23.06.2014

Brauchen wir die Grippemittel Tamiflu und Relenza?
Gemeinsame Stellungnahme der GfV, der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) und der Paul-Ehrlich-Gesellschaft (PEG) zu Indikationen für die Therapie mit Neuraminidasehemmern bei Influenza
vom 12.06.2014

Impfprävention HPV-assoziierter Neoplasien
Eine aktualisierte Version der unter der Federführung der PEG koordinierte und unter Mitarbeit zahlreicher anderer infektiologischen Fachgesellschaften und Organisationen in Deutschland erstellte Leitlinie...
vom 18.02.2014

Monographie zur ambulanten Pneumonie veröffentlicht
Die European Society of Respiratory Medicine (ERS) hat eine Monographie publiziert,...
vom 07.02.2014

Promotionspreise 2014
Die PEG hat Promotionspreise ausgeschrieben. Die Preise werden für aktuelle Promotionsarbeiten gewährt, deren Ergebnisse entweder publiziert oder zur Publikation akzeptiert wurden....
vom 21.01.2014

Wolfgang Stille-Preis 2014
Der Wissenschaftspreis der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie (PEG) ist jetzt zum achten Mal ausgeschrieben worden. Er wird zur Erinnerung an den Infektiologen und früheren Vorsitzenden der PEG, Professor Dr. Wolfgang Stille (1935-2004), verliehen....
vom 21.01.2014